Eine Auszeit nehmen: Verrückt, großartig, oder beides?

Ich muss gestehen: Als Marcel zum ersten Mal vorschlug, wir könnten nach meiner Promotion doch eine Auszeit nehmen und einfach ein bisschen reisen, war meine erste Reaktion: Das ist doch total verrückt! Und ehrlich gesagt dachte ich, dass das ein Scherz war. Aber wie sich herausstellte: das war kein Scherz. Und nicht nur das: Etwas über ein Jahr nachdem er mir das vorgeschlagen hatte, haben wir es tatsächlich gemacht: Wir haben unsere Jobs gekündigt und einen One-Way-Flug nach Sydney gebucht. Nun, wie ist das passiert und wie habe ich meine Meinung geändert von „Das ist total verrückt!“ zu „Heilige Scheiße, das ist großartig. Lass uns das machen“?

Ein bisschen mehr Hintergrund

Um nachvollziehen zu können wo ich herkomme, erzähle ich hier ein bisschen von meinem Hintergrund. Wo ich herkomme waren Langstreckenflüge oder so was wie ein Rucksackurlaub nach dem Abi nicht gerade an der Tagesordnung. Vor ungefähr 14 Jahren haben sich zwei damaligen meiner Freunde (sie waren Mitte 20) dazu entschieden für ein halbes Jahr ins Ausland zu gehen und einfach so ein bisschen zu reisen. Zu dem Zeitpunkt hatte ich gerade meinen Job gekündigt, um meine Fachhochschulreife nachzuholen, damit ich studieren konnte. Das war für mich schon aufregend genug (und beängstigend! Würde ich mir das Studium überhaupt finanzieren können??). Deshalb hielt ich von der Idee eines Rucksackurlaubs nicht besonders viel und fand das schon ein bisschen verrückt. Ich kannte das einfach nicht, dass man einfach durch die Gegend reist ohne zu wissen, was als nächstes kommt. Man hatte mich dazu erzogen sich immer gut vorzubereiten und auf Sicherheit zu setzen, zum Beispiel, ein Jahr vor dem Schulabschluss Bewerbungen zu schreiben oder keinen Job zu kündigen bevor man nicht den neuen Arbeitsvertrag in der Tasche hat.

Ohne das je groß zu hinterfragen – was ist schon falsch daran, nicht arbeitslos zu sein, richtig? – hab ich im Grunde mein Leben lang gearbeitet. Ich hab meine Ausbildung als Arzthelferin mit 16 begonnen und arbeitete danach für weitere 5 Jahre in meinem Job. Dann hab ich meine Fachhochschulreife nachgeholt, Medieninformatik studiert (Bachelor und Master) und währenddessen nebenbei als studentische Hilfskraft bzw. wissenschaftliche Mitarbeiterin gearbeitet. Dieses Jahr habe ich mein 10-jähriges Dienstjubiläum an meiner Hochschule und in den letzten 6 Jahren und 8 Monaten habe ich neben meinem Beruf auch noch promoviert.

Der nächste und vielleicht natürliche Schritt wäre, Bewerbungen zu schreiben, zum Beispiel auf eine Post-Doktorandenstelle oder für ein Forschungsstipendium. In den letzten 6 Jahren hat man mir all die Fragen gestellt, bei denen Studenten und Doktoranden oft zusammen zucken:

  • Studierst du eigentlich immer noch?
  • Wann bist du denn endlich fertig?
  • Was bist du eigentlich, wenn du fertig bist? Wie nennt man das?
  • Was machst du dann hinterher?

Ehrlich gesagt hat man mir die letzte Frage schon gestellt seit ich 2005 mein Bachelorstudium in Medieninformatik begonnen hab. In den letzten Jahren hab ich also immer gedacht, es verstehe sich von selbst, dass ich mich mit meinem Doktortitel in der Tasche direkt für einen neuen Job bewerben würde. Na ja, das hätte ich vermutlich auch gemacht…. wäre nur nicht der Reisevirus gewesen.

Der Reisevirus

Bevor ich Marcel getroffen habe, bin ich kaum in den Urlaub gefahren. Nicht, dass ich nicht gewollt hätte, aber als Studentin waren meine finanziellen Möglichkeiten eher begrenzt. Zudem bin ich auch nicht gerade mit Urlauben aufgewachsen; ganz im Gegensatz zu Marcel. Er hat den Reisevirus quasi mit der Muttermilch aufgesogen und ich muss immer lachen, wenn wir aus dem Urlaub zurück kommen und Marcel schon ganz kribbelig wird, weil der nächste Urlaub noch nicht geplant und gebucht ist. Es ist sogar schon vorgekommen, dass er den nächsten Urlaub plant, während wir noch im Urlaub waren.

Und man weiß ja wie das so mit Viren ist: sie sind schon irgendwie ansteckend. Ich war dann viel auf Reisen nicht nur mit Marcel, sondern auch im Rahmen meiner Promotion und ich muss sagen: Ich liebe es einfach neue Leute kennen zu lernen, andere Länder zu entdecken, Neues über andere Kulturen zu lernen. Sich mit dem Fremden bekannt zu machen und Dinge neu wertschätzen zu lernen, über die man kaum nachdenkt, weil sie für einen selbstverständlich sind. In den letzten 7.5 Jahren unserer Beziehung sind Marcel und ich oft in den Urlaub gefahren, zum Beispiel nach Gran Canaria, Fuerteventura, Lanzarote, Madeira, an die Nordsee, Neuseeland, Bali. Das ist allerdings nicht so viel, wenn man bedenkt wie lang Marcels Wunschliste ist.

Aber warum denn gleich kündigen?

Genau das hab ich auch gefragt. Sind Urlaube denn nicht genug? Wir waren schon zweimal für 3-4 Wochen im Urlaub auf Neuseeland im Dezember 2016 und Februar 2018. Das ist natürlich toll um zu entspannen und mal wieder aufzutanken. Wir wussten, dass ich irgendwann Ende 2018 meine Doktorarbeit verteidigen und mich hinterher für eine Post-Doktorandenstelle bewerben würde (wofür wir vermutlich eh umziehen müssten). Warum also nicht die Zeit zwischen zwei Jobs nutzen und ein bisschen reisen? Womit ich allerdings nicht gerechnet hätte war, dass Marcel länger als 1-2 Monate reisen wollte. Das bedeutete aber, dass wir unsere Wohnung aufgeben mussten, denn das wäre einfach viel zu teuer geworden.

Als ich erkannte, dass Marcel es wirklich ernst meinte, hab ich fast eine Panikattacke bekommen. Meine (unbefristete!) Stelle kündigen ohne eine neue Stelle zu haben? Unvorstellbar! Eines Tages las ich einen Tweet von jemandem, der bereute nach seiner Promotion keine Pause gemacht zu haben. Ich fragte also auf Twitter, was er und andere davon halten, wenn man quasi eine Post-Doc Welttournee machen würde. Das heißt: auf eine Weltreise gehen, dabei Universitäten besuchen und andere Forscher zu treffen und potentielle Kooperationsmöglichkeiten auszuloten. Ehrlich gesagt hatte ich gehofft, Bestätigung zu bekommen, dass das völlig ok ist. Vor allem wenn man an die aktuellen Diskussionen zum Thema Burnout, Stress und mentaler Gesundheit in der Forschung und an Universitäten denkt. Stattdessen wurde mir davon eher abgeraten und ich erfuhr, dass man sich mindestens ein Jahr im Voraus um eine Post-Doc Stelle kümmern müsse. Allerdings hängt das wohl auch vom Forschungsbereich ab, denn in meinem Bereich werden Stellen häufig recht kurzfristig ausgeschrieben. Allerdings: vielleicht kann man ja verhandeln, wann man die Stelle antritt?

Dann suchte eine Bekannte aus Großbritannien, die ich im letzten Jahr in einem Sommerseminar kennen gelernt habe, einen Post-Doc für ein Forschungsprojekt in Newcastle upon Tyne. Sie hat mich ermutigt mich zu bewerben, obwohl sie wusste, dass wir eine Zeitlang reisen wollten. Das Anfangsdatum sei gegebenenfalls verhandelbar, das müsse der Geldgeber allerdings entscheiden. Ich hab mich dann also auf diese Stelle beworben und wurde auch zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen. Interessanterweise war es nun Marcel, der fast eine Panikattacke bekam. Während ich Schnappatmung bei dem Gedanken bekam, keinen Job zu haben, wenn wir zurück kommen, bekam er Schnappatmung bei dem Gedanken, dass vom ersten Tag an alles schon festgelegt und beschränkt ist. Wie auch immer, ich flog nach Newcastle zu dem Vorstellungsgespräch, was schon irgendwie aufregend war und eine tolle Erfahrung, auch wenn jemand anderes den Job bekam. Aber da war ich nun: mitten drin in der Jobsuche, dabei war ich noch gar nicht soweit. Und ich muss gestehen, dass es sich manchmal auch ein wenig merkwürdig anfühlte. Ich hatte mich kaum an den Gedanken gewöhnt einfach so ein wenig durch die Gegend zu reisen. Wie soll ich dann beim Vorstellungsgespräch sagen: „Hey, ich möchte diesen Job WIRKLICH WIRKLICH gerne, weil das Projekt einfach toll ist. Aber wissen Sie was? Sie müssen noch so sechs Monate auf mich warten, weil ich noch ein bisschen rumreisen will.“ 

Kurz nach meiner Newcastle Reise, empfahl mir jemand auf Twitter eine Anzeige von einer niederländischen Universität: 6 Post-Doktorandenstellen, allerdings ohne Informationen, wann man anfangen soll. Ich hab mich auf drei der sechs Stellen beworben, wurde für drei zum Vorstellungsgespräch eingeladen (auf eine von diesen Stellen hatte ich mich allerdings gar nicht beworben), und am Ende wurde mir ein Stelle angeboten (auf die ich mich aber auch gar nicht beworben hatte). Ich hatte dann ein kurzes Skype Gespräch mit der Programmleiterin und die Stelle klang wirklich interessant, bis auf das Anfangsdatum. Sie wollten am liebsten, dass ich sofort anfange, spätestens aber im Januar. Und da war ich nun: Man bot mir „Sicherheit“, die ich mir erhofft hatte, aber zu welchem Preis?

Wie gesagt: ich habe meine aktuelle Stelle nun seit knapp zehn Jahren und möchte natürlich eine ordentliche Übergabe machen. Wenn ich im Januar eine neue Stelle antrete, bedeutet das, dass wir gar nicht reisen würden. Aber wenn wir das jetzt  nicht machen, wo die Umstände so günstig sind (wir müssten für die neue Stelle ja eh umziehen) – würden wir das dann je machen?

Warum es vielleicht eine großartige Idee ist ohne neue Stelle in der Tasche zu reisen!

Ich habe über die Situation mit zwei meiner Betreuer / Mentoren gesprochen, die mich echt gut kennen. Beide haben mich ermutigt das hier wirklich zu machen und mir (wiederholt) versichert, dass ich mir bei meinen Qualifikationen keine Sorgen machen muss, dass ich hinterher keinen Job finden würde. Einer von beiden erzählte mir, direkt am Tag nach der Abgabe der Doktorarbeit die neue Stelle begonnen zu haben und im Nachhinein sei das nicht die beste Idee gewesen. Diese Person sagte mir auch, dass es vielleicht sogar besser sei, keine Stelle in Aussicht zu haben. Denn ansonsten würde ich vermutlich die ganze Zeit über den neuen Job nachdenken und auch schon mal anfangen mich vorzubereiten während wir unterwegs sind (japp; die Person kennt mich gut. Ich hatte auch schon für das Forschungsprojekt in Newcastle angefangen Bücher und Artikel zu lesen ?).

Es ist halt nur so: einfach so durch die Gegend zu reisen, ohne Job, das bin halt so gar nicht Ich. Aber ich muss zugeben, in den letzten Wochen und Monaten darüber nachzudenken, inklusive unsere Reise für potentielle Jobangebote immer weiter runter zu kürzen, hat meine Sicht schon geändert. Es hat mir auch enorm geholfen die Gedanken von anderen zu lesen, die ähnliche Zweifel und Optionen hatten. Zum Beispiel Ania & Daniel von geh-mal-reisen.de, die ihre Optionen hier mal aufgeführt haben: unbezahlten Urlaub nehmen, Sabbatical, Zeit zwischen dem Jobwechsel nutzen, oder einfach kündigen. Schlussendlich hat Ania ihren Job gekündigt und sagt, dass das für sie die beste Entscheidung war:

Zu keiner Sekunde habe ich es bereut! Du reist frei. Frei im Kopf und frei in der Zeit. Unbeschwerter und intensiver. Hinzu kommt: Wir sind zurückgekommen und es hat sich viel getan in unseren Köpfen. Wir haben uns selbst einfach neu und anders kenngelernt und auch den Mut gefasst zu versuchen, weiter zu reisen! […] Man weiß einfach nie, mit welchen Gedanken und Umstellungen im Kopf man zurückkommt. Aber was ich weiß: Hätte ich ein Sabbatical oder unbezahlten Urlaub genommen – ich hätte den Job glaube ich ohnehin nicht mehr angetreten… 😉 

Das hat mir echt zu denken gegeben und ich wollte einem potentiellen Arbeitgeber auch keine Versprechungen machen, die ich hinterher vielleicht gar nicht mehr einhalten möchte.

Die Gelegenheit ist günstig und kommt vielleicht nie wieder!

Wenn du das liest denkst du vielleicht: Ohne Stelle in der Tasche ist aber nicht für jeden so eine tolle Idee! Natürlich nicht! Wir sind uns schon absolut bewusst, dass wir in einer privilegierten Position sind: Wir sind beide gesund, haben gespart, haben weder Kinder noch Haustiere, haben die Möglichkeit in die unvermietete Wohnung meiner Schwiegereltern zu ziehen, sind beide gut ausgebildet und erfahren in unserem Beruf, und hätten jetzt eh bald umziehen müssen. Und selbst wenn wir nach unserer Rückkehr nicht sofort eine neue Stelle finden, haben wir immer noch ein paar Monate Anspruch auf Arbeitslosengeld. Also haben wir uns entschieden: Wir machen das jetzt! Ich hab das Jobangebot in den Niederlanden abgesagt und war überrascht, dass die Managerin so viel Verständnis zeigte. Auch der Bekannte, der mir die Stellenangebote weiter geleitet hatte, hat nicht gedacht, dass ich sie nich mehr alle hab (was ich befürchtet hatte). Stattdessen schrieb er mir, dass das eigentlich eine brillante Idee sei; dass es noch mehr im Leben gäbe als Arbeit und Wissenschaft und dass es der perfekte Zeitpunkt sei. Er fügte hinzu, dass es allerdings sehr schade sei, dass sie unter dieser Entscheidung nun leiden müssten.

Unterm Strich ist es allerdings doch so: Ich hab noch fast 30 Jahre Berufsleben vor mir. Was machen da schon ein paar Monate?

Es ist soweit: Wir ziehen es durch!
Weniger ist mehr: Entrümpeln mit Karins Lädchen, reBuy, eBay & Co.

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