Geschichtsstunde: Lavendel und Australien als Sträflingskolonie

Ich weiß, der Titel ist jetzt nicht gerade optimal. Und was zum Teufel hat Lavendel denn mit Australien als Sträflingskolonie zu tun? Öhm… gar nichts, schätze ich. Aber während Marcel fleißig Beiträge über unsere Campingplätze und die ganzen Wanderungen schreibt, die wir (oder er) so machen, wollte ich ein wenig über unsere kulturellen Aktivitäten schreiben.

Bridestow Lavender Estate

Auf unserem Weg zur Bay of Fires besuchten wir einen Lavendelhof: Bridestow Lavender Estate. Die Plantage gilt als die größte kommerzielle Lavendelfarm der Welt. Noch bevor man überhaupt zum Parkplatz gelangt, muss man den Eintritt von $10 pro Person bezahlen (ca. 6,16 €). Im Preis inbegriffen ist eine geführte Tour, die jede Stunde stattfindet.

Die Tour war echt total interessant und wir erfuhren eine Menge über die Geschichte des Hofes, beginnend 1921 mit einem Parfümhersteller aus London (CK Denny). Er wanderte nach Tasmanien aus; mit im Gepäck waren die Samen von französischem Lavendel. Tasmanien – und besonders die Region, die er sich aussuchte – schien perfekt zu sein, um Lavendel anzubauen. Sie brauchen wohl nicht viel Wasser. Die Tiere (Kängurus, Wallabies etc.) scheinen Lavendel nicht besonders zu mögen, also ist von ihnen nichts zu befürchten. Lediglich Unkraut kann Lavendel nicht vertragen; da muss man also frühzeitig zupfen.

Leider war es extrem staubig an diesem Tag, so dass die Farbe des Lavendels leider nicht so schön hervor stach, wie wir gehofft hatten.

Wir besuchten auch die Produktionsanlagen und erfuhren, dass die von Denny erfundene Technology für die Ernte und auch der Destillationsprozess im Wesentlichen derselbe ist wie in den 1920er Jahren. Nur um sicher zu gehen, fügte die Mitarbeiterin hinzu: ”Keine Computer hier“. Als jemand, der Medieninformatik studiert hat, fand ich das faszinierend. Sie erklärte auch die verschiedenen Arten, wie sie Lavendel verwenden: die Extraktion des Lavendelöls oder das Trocknen der Blüten. Sie produzieren auch verschiedene Produkte am Standort (in einem relativ kleinen Gebäude; ich war erstaunt!), wie z.B. Bobbie the Bear, ein mit Lavendel gefülltes Wärmepaket. In ihrem Laden hatten sie einen richtig großen Bobbie und in den hab ich mich natürlich sofort verliebt.

Da wir aber nun mal mehrere Monate verreisen und mein Rucksack schon bis zum Bersten gefüllt ist, musste ich all die kleinen süßen Bobbies leider dort lassen. Stattdessen gönnten wir uns Lavendel-Eis, das auch wirklich lecker war.

Um eine inhaltliche Brücke zum nächsten Thema zu bauen: In Port Arthur gibt es auch einen Lavendelhof, wo wir eine kleine Pause machten und uns noch so ein Eis gönnten, als wir auf dem Weg zur historischen Stätte waren.

Historische Stätte Port Arthur

In der Vergangenheit wurde Australien vom Britischen Empire genutzt, um Häftlinge loszuwerden. Die Australian Convict Sites sind Teil des UNESCO-Weltkulturerbes und besteht aus 11 Strafvollzugsstätten. Eine dieser Stätten ist „Port Arthur“, das mehr als 30 historische Gebäude umfasst. Der Tageseintrittspass kostet $39  pro Person (ca. 24,35 €) und beinhaltet eine 40-minütige Führung und eine 25-minütige Bootsfahrt.

Die Strafvollzugsanstalt

Bevor wir uns entschieden haben, so viel Geld für Eintrittsgelder auszugeben, hatte ich ein wenig online recherchiert. Ich hatte bereits ein wenig über dieses Gefängnis gelesen und dass man dort von physischer zur psychischen Bestrafung übergegangen ist. Die Architektur zu sehen, die dies ermöglichte, war allerdings eine ziemlich bemerkenswerte Erfahrung.

Eines der Gebäude war das Isolationsgefängnis. Laut Infobroschüre wurde es

speziell für die Durchführung neuer Bestrafungsmethoden gebaut, die Strafgefangene durch Isolation und Kontemplation zu bessern versuchten. Für 23 Stunden am Tag wurden die Zuchthäusler in Einzelzellen gesperrt. Hier mussten sie essen, schlafen und arbeiten, mit nur einer Stunde pro Tag für Leibesübungen, die allein, in einem Hof mit hohen Mauern durchgeführt werden mussten.

Der Touristenführer sagte uns, dass körperliche Bestrafung wie Auspeitschung nicht wie erhofft dazu führte, dass Häftlinge ihr Verhalten änderten. Im Gegenteil, wenn ein Sträfling beim Peitschen kein Geräusch von sich gegeben hat, verdienten sie sich sozusagen Respekt von anderen Sträflingen, die nämlich immer gezwungen waren, sich das anzusehen. Die körperliche Bestrafung konnte also sogar dazu führen, dass Häftlinge sozusagen in der Rangordnung aufstiegen.

Deshalb war man dazu übergegangen, Häftlinge im “Isolationsgefängnis” komplett voneinander abzuschotten. Sie durften nicht miteinander kommunizieren und mit den Wachen nur im Ausnahmefall (zum Beispiel, wenn sie wichtige Informationen weitergeben mussten).

Einzelzelle

In den sehr seltenen Fällen, in denen sie ihre Zelle verlassen durften, mussten sie eine Kapuze tragen. Selbst in der Gefängniskapelle wurde darauf geachtet, dass sie andere nicht sehen konnten. Jeder Gefangene hatte seine eigene Zelle und konnte nur den Priester vorne sehen.

Kapelle

Ich bat Marcel, ein Foto von mir in einer dieser Kabinen zu machen, da man sonst vielleicht nicht wirklich erkennen kann, wie wenig von dem Körper nicht verdeckt ist.

Das fühlte sich schon echt gruselig an – aber es wurde noch schlimmer. Im Isolationsgefängnis befindet sich eine Strafzelle – die sogenannte “Dunkelzelle“ – die von einer meterdicken Betonmauer umgeben ist. Da drinnen ist es vollkommen dunkel und man hört keinerlei Geräusche. Laut einer anderen Broschüre konnte ein Gefangener in dieser Zelle in völliger Dunkelheit und Stille für mehrere Stunden oder sogar bis zu 30 Tage eingesperrt werden. Erst nach 3 Tagen wurde er pro Tag für eine Stunde für Leibesübungen heraus gelassen.

Blick in die Dunkle Zelle
Tür, um aus der Zelle heraus auf den kleinen Flur zu kommen (doppelter Schallschutz); auf der linken Seite sieht man, wie dick die Wände sind.

Wir gingen da rein und ich hatte mein Handy dabei, nur für den Fall, dass ich Licht brauche. Meine Güte, meine iPhone Taschenlampe machte fast keinen Unterschied, als wir rein gingen. Als wenn diese Zelle jedes kleine Licht verschluckt. Ich schaltete die Taschenlampe aus, Marcel schloss die Tür und man konnte NICHTS mehr sehen oder hören. Absolut nichts!!!! Das änderte sich auch nicht, als unsere Augen sich nach einer Weile an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Es war einfach pures schwarzes Nichts. Ich kann mir nicht vorstellen, länger als eine Minute da drin zu sein, geschweige denn dort drin zu sein und nicht zu wissen, wann sie einen wieder raus lassen. Das muss reine Folter gewesen sein.

Die im Eintritt enthaltene Bootsfahrt führte entlang der Insel der Toten, wo zwischen 1833 und 1877 rund 1100 Menschen begraben wurden, sowie vorbei am Point Puer Knabengefängnis. Die Jungen, die in diese Reformanstalt geschickt wurden, waren zwischen 14 und 17 Jahre alt, aber der Jüngste war 9 Jahre alt. Der Touristenführer sagte uns, dass er dort landete, weil er Spielzeug gestohlen hatte.

Ähnlich wie in Alcatraz brauchte Port Arthur keine Gefängnismauern – es war ein natürliches Open-Air Gefängnis.

Obwohl ich mich beim Betrachten dieser Relikte aus der Vergangenheit schon etwas unwohl fühlte (ebenso, wenn ich andere Besucher sah, wie sie vor den Gefängnisgebäuden grinsend für irgendwelche Instagram-Bilder posierten??‍♀️), bin ich froh, dass wir Port Arthur besucht haben.

Geschichte, Kultur, Lavendel, Tasmanien, UNESCO
4 Tage im Narawntapu-Nationalpark
Tasmaniens Ostküste (Teil 1): Bay of Fires

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